13. Kapitel: Zwilipps Geschichte

Steinzeit und Bronzezeit

Die Feldmark von Zwilipp ist sehr alter Siedlungsboden: Seit der Steinzeit, aus der ein dort gefundenes Steinbeil stammt, waren dort Menschen am Ufer der Persante zu Hause. Aus der Bronzezeit stammt ein Skelettgrab, das eine im Osten häufig vorkommende Ösennadel (aus der zweiten Periode dieser Zeit) enthielt. In einem anderen Skelettgrab fand man eine Mützenurne. Eisenzeitlich sind ein Moorfund mit römischen Glasperlen (Stufe B-C) sowie ein anderes Skelettgrab, das zwei bronzene Fibeln unter dem umgeschlagenen Fuß, zwei Fibeln mit blauer, runder Glaseinlage am Fußende, eine silberne, tordierte Nadel, einen silbernen, tordierten Halsring mit birnenförmiger Öse sowie eine Halskette aus über 20 flachen Bernsteinperlen (Stufe C) enthielt. Aus wendischer Zeit stammt der in der Nähe der Fähre befindliche Burgwall und ein Brandgrab, das wikingischer Herkunft ist.

Die Wikinger

Im Heimatkalender Kolberg-Körlin des Jahares 1938 war darüber zu lesen: „In der Nähe des Dorfes Zwilipp wurde ein Grab entdeckt, aus dem damals eine Reihe von Fundstücken in das Stettiner Museum gelangten: Eine halb zerschmolzene winkingische Schalenfibel aus Bronze, drei Spielsteine aus Bein, eine Bronzehülse, Eisenreste, Tonscherben, blaue und weiße zerschmolzene Glasperlen, die wohl ursprünglich zum Besatz der Schalenfibel gehörten. Über die Fundumstände berichtete damals der Gymnasialzeichenlehrer Meier aus Kolberg in einem Brief an den Konservator Stubenrauch, dass die Stücke in einer Brandgrube, unter einem Umfassungsstein einer „Grabstätte“ gelegen hätten. Trotz seines unscheinbaren Gepräges ist dieser Grabfund jedoch eines der wichtigsten Denkmäler ganz Pommerns aus der wendisch-wikingischen Epoche. Alle Stücke dieses Fundes, bis auf die Tonscherbe, die wendisch ist, sind nämlich wirklich wikingischen Ursprungs. Aber nicht nur dies, unser Grab fällt völlig aus dem Rahmen der übrigen wendenzeitlichen Bestattungen Pommerns heraus, während es in seiner Zusammensetzung ein für Skandinavien durchaus typisches Gepräge zeigt. So dürfte wohl der Schluss erlaubt sein, dass wir hier einmal tatsächlich ein echtes Wikingergrab auf pommerschem Boden besitzen, die Ruhestätte eines nordischen Seefahrers oder Kaufmanns, der hier an der Persantemündung den Tod fand. Oder besitzen wir in dem Funde von Zwilipp vielleicht sogar die erste Spur einer wikingischen Niederlassung, eines Handelsplatzes oder einer Sommersiedlung im Kolberger Kreise? Die geografischen und historischen Vorausetzungen wären gerade in diesem Gebiete durchaus gegeben. Eine endgültige Antwort auf die Frage können aber erst die zukünftige Forschung und neue glückliche Funde erbringen.“
Dieses Wikingergrab sei der Beweis dafür, dass diese Nordleute in Pommern nicht nur die Mündung der Oder aufsuchten, sondern auch die Mündungen der kleineren Küstenflüsse (auch an der Leba sind sie nachgewiesen). Der etwa zwei- bis dreihundert Meter lange und 20 bis 30 Fuß breite, um 1830 noch deutlich erkennbare Burgwall hat vielleicht in den Kämpfen um das Jahr 1000, als die Polen Kolberg eroberten, eine Rolle gespielt. Giesebrecht ist der Meinung, dass in dem Zwilipper Burgwall das vom polnischen Chronisten Gallus anonymus erwähnte „castrum proximum mari“ (=Burg nahe dem Meere) gemeint sei. Es soll zeitweilig Sitz eines Kastelland gewesen sein.

Im Mittelalter

Sieht man einmal von der Altstadt bei Kolberg ab, so sind Zwilipp und Pobloth die ältesten namentlich bekannten Dörfer des Kolberger Landes. Bereits im Jahr 1159 bestätigt Bischof Adalbert von Pommern dem Kloster Grobe auf Usedom die von Herzog Ratibor I. und seiner Gemahlin Pribislawa verliehenen Besitzungen und Einkünfte und verleiht diesem den Zehnten und alles im zustehende Recht in den Klosterdörfern, darunter in Zwilipp und Pobloth, was sein Nachfolger Konrad I. zusammen mit den Schenkungen der Herzöge Bogislaw I. und Kasimir I. im Jahre 1668 bestätigt. Die Dörfer gehörten somit zur Erstaustattunbg dieses zweitältesten Prämonstratenserklosters in Pommern.
Derartige Bestätigungen leißen sich die Mönche im Mittelalter gern und oft ausstellen, da sie den oft launenhaften Fürsten nicht trauten. Oft fochten deren Erben die Schenkungen an die Kirche an – man war durch entsprechende Erfahrungen vorsichtig geworden. Dementsprechend folgen in den folgenden Jahrzehnten wiederholt solche Generalkonfirmationen: 1177 durch Herzog Bogislwa I., 1179 durch Papst Alexander III., 1184 erneut durch den Herzog Bogislaw I., 1195 durch Papst Colestin III., 1216 durch den Camminer Bischof Sigwin, 1241 durch Bischof Konrad III., 1267 von Herzog Barnim I. und 1310 endlich anläßlich der Verlegung des Klosters nach Pudagla durch Papst Clemens V.

Das Kloster hatte nicht nur das Dorf Zwilipp mit dem Kruge, sondern auch die dortige Brücke (hier überquerte man also trockenen Fußes im Zuge der alten Salzstraße die Persante) mit ihrem Zoll und dem Kruge daselbst sowie die voin der Flößerei auf der Persante zu entrichtenden Abgaben verliehen bekommen, trennte sich aber um 1210 davon, in dem Herzog Kasimir II das für das Kloster weitab gelegene Dorf für 12 Mark jährlich übernahm, was er dann beurkundete. Nach seinem Tode sollte es an das Kloster zurück gegeben werden. 1318 schließlich einigte sich das Kloster mit Henning v. Blankenburg und seinem Sohn Anselm sowie den Brüdern Henning und Arnold v. Greifenberg dahingehend, dass diese und deren Erben oder sonstige Besitzer der Dörfer Zwilipp und Pobloth dem Kloster jährlich zwei Last Salz geben sollten. Man war also wirklich nicht so sehr an jenem entfernten Außenposten interessiert, wollte aber den Nutzen davon haben.

Anselm v. Blankenburg verpfändete dann 1320 das Dorf Zwilipp für 900 Mark an seinen Schwiegersohn, dem herzoglichen Kanzler Peter v. Neuenburg. 1327 schließlich verkauften die Mönche das Dorf Zwilipp für 68 Mark Silber dem Kösliner Bürger Konrad Wille. 1336 fand der nächste Verkauf statt: vom Camminer Bischof Friedrich an die Kolberger Bürger Bertold Glasenapp und Goswin Gemelin, die durch die Zahlung von jedem Anspruch, den der Knappe Arnold Ramel nach Erbrecht erheben konnte, befreit wurden. Offenbar handelt es sich bei den Verkäufen nur um eine Veräußerung der Nutzungsrechte. Die eigentlichen Besitzrechte der Kirche, die ja Lehnsherr war, blieben davon unberührt. 1417 bis 1425 erscheint ein Henning Gruttemaker als Pfarrer in Zwilipp. 1422 sehen wir das Dorf im Besitz des Kolberger Nonnenklosters auf der Altstadt (vorher war es vielleicht zeitweilig ein Lehn derer v. Ramel), nach der Reformation kam es in landesherrlichen Besitz (Amt Kolberg), in dem es bis zur Separation verblieb.

Frühe Bauernbefreiung

Aus dieser langen Zeit ist kaum etwas überliefert: Kurz nach 1700 kauften sich die Zwilipper Bauern für 400 Taler von den Frondiensten des Amtes Altstadt (Kolberg) los und wurden dadurch freie Bauern – ein Jahrhundert vor der Bauernbefreiung! 1726 gab es im Dorf 13 Vollbauern und einen Kossäten. Der Schulze hatte keinerlei Vorrechte. Außerdem gab es an Instleuten sechs Ehepaare und zwei ledige Frauen, als Handwerker wird nur der Schneider David Rackow genannt. Zur Schmiede musste man nach Kolberg, zur Mühle nach Bogenthin, ein Krug war nicht vorhanden, das Amtsbier musste der Reihe nach gebraut werden.

Die Kriege

Sicher hatte Zwilipp unter den Kolberger Belagerungen im Dreißigjährigen, im Siebenjährigen und im Franzosenkrieg ebenso gelitten wie die Nachbardörfer. In der Zeit um 1762 verlegte der Zerniner Pfarrer auf Anordnung der Russen seinen Sitz nach Zwilipp, weil dort gerade die Pfarrstelle vakant war. Das Dorf kam dank der guten Beziehungen des Pastors zum russischen Kommandanten besser davon als die Nachbardörfer. Amtliche Berichte aus jener Zeit sagen „das Dorf Zwilipp ist sonst in ziemlicher Verfassung. Die Gebäude auch in gutem Zustand.“ Andernorts heißt es weiter: „Die seit dem Kriege schwachen Bauern haben sich dadurch ansehnlich geholfen, dass sie auf ihren Feldern Mergel entdeckten und damit düngten. Sie haben dadurch gutes Korn- und Gerstenland. Sie entrichten deshalb alle Prästanda (=Steuern und Abgaben) ohne Reste.“ Zur Zeit Friedrichs des Großen entstand in Zwilipp auch eine Ziegelei, die aber bald wieder einging. Die Jahre 1770-74 waren große Hungerjahre, die durch Mißwuchs und Mißernten viel Not brachten.
Seine abgeschiedene Lage hatte in Sitten und Gebräuchen vieles bewahrt, was der lamngjährige Zwilipper Dorfschullehrer Ferdinand Asmus aufgezeichnet hat. 1928 kam bei der Gemeindegebiets-Reform in Preußen das Rittergut Pustar zur Gemeinde Zwilipp. Schon 17 Jahre zuvor, in 1991 war die kirchliche Zuweisung zur Zwilipper Kirchengemeinde vollzogen worden.

Die Vertreibung

In 1945 endet die deutsche Geschichte von Zwilipp. In der Nacht vom 5. auf den 6. Juni brannte die Kirche nach einem Blitzschlag nieder. Die Zustände verhinderten sowohl das Löschen wie auch den Wiederaufbau. Um die Jahreswende 1945/46 mussten die verbliebenen Zwilipper ihr Dorf verlassen, wurden auf Züge geladen und reisten gen Westen einer ungewissen Zukunft entgegen.

Die Neuzeit

Zwilipp kam unter dem Namen Swielubie unter polnische Verwaltung und wurde der Großgemeinde Degow (Gmina Dygowo) zugeteilt. Nachdem diese 1954 in eine Amtsgemeinde (Gromada) umgewandelt wurde, blieb es bei dieser, auch nachdem diese 1973 wiederum zur Großgemeinde wurde. Bis 1975 gehörte es zum Kreis Kolberg, seit 1990 zur Region Kolberg in der Woijewodschaft Köslin (Woj. Koszalin).

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