19. Kapitel: Überlieferungen aus Zwilipp

Woher das Dorf seinen Namen hat

In der Mitte des Dorfes Zwilipp liegt eine Wiese, „das Moor“ genannt. Dort war früher ein See, der aber durch den Mangeritzgraben entwässert worden ist. Aus diesem Moor hat man vor noch nicht langer Zeit Pfähle, Reste alter Pfahlbauten, herausgeholt. Ferner knüpft sich daran folgende Sage: In den frühesten Zeiten, als noch heidnische Fürsten in Pommern herrschten, befand sich bei Zwilipp ein großer See. In demselben hat ein Fürstensohn ein auf Pfählen erbautes Schloß gehabt, in welchem er mit seiner Geliebten seinen Sommeraufenthalt nahm. Davon soll dann das Dorf seinen Namen erhalten haben, der soviel bedeutet als Zwilipp, „Zwei Liebende“.
Erzählt von Herrn Lehrer Julius Heyer in Zwilipp, aufgeschrieben von seinem Schwiegersohn Ferdinand Asmus um 1900.

Bolduans Keller

Bei Zwilipp liegt an der Persante, auf der Wiese des Tischlers Kummrow, ein Sumpfloch, welches allerdings jetzt schon zugewachsen ist. Dasselbe führt den Namen „Bulwons (Bolduans) Keller“. In der Nähe steht eine uralte Eiche. Hier hat sich der Sage nach eine Wasserjungfer aufgehalten, ihr schönes Haar gekämmt und dabei gesungen. Durch ihre Zauberkünste wußte sie hübsche Jünglinge und Männer in die Flut zu locken. Der Pastor Wachse (gestorben 1822) befand sich einmal in seinem Wäldchen in der Nähe des Kellers, wo er an schönen Sommertagen öfters sein Mittagsschläfchen zu halten pflegte. Da kam in atemloser Hast sein Dienstjunge angelaufen und wollte ins Wasser, um zu baden. Dem Pastor fiel augenblicklich die Sage ein, und er wollte den jungen Menschen nicht dorthin lassen. Darum befahl er ihm, zu seiner Frau zu gehen und ihm ein Buch zu holen. Der junge Mensch gehorchte. Als er fort war, da soll der Pastor die Wasserjungfrau dreimal rufen gehört haben: „Die Stunde ist da, und der Mensch ist noch nicht hier.“ Darauf war sie verschwunden, und weil die Stunde abgelaufen war, hatte sie kein Recht mehr an dem Jüngling. Ein anderes Mal haben mehrere Zwilipper einen Knecht, der von innerlicher Angst ergriffen sich in das Wasser stürzen wollte, festgehalten. Darauf soll die Wasserjungfrau dieselben Worte gerufen haben. Auch er wurde gerettet. Doch ist sicher, daß wirklich mehrere Menschen in dem tiefen Kolk freiwillig ihren Tod gefunden haben. Anmerkung des Verfassers Ferdinand Asmus: In den Nähe dieser Stelle, etwa 200 Meter oberhalb, geht eine Furt durch die Persante. Bis 1807 war dort eine Brücke, welche die Zwilipper auf Befehl des Kommandanten Loucadou von Kolberg verbrennen mußten. Seitdem ist dort bis vor wenigen Jahren eine Fähre gewesen. Es kam öfters vor, daß dort Menschen verunglückten. Unser Kirchenbuch weist mehrere Fälle auf, daß dort Leichen gefunden sind, so zum Beispiel die eines Husarens. In der Nähe von Bulwons Keller ist auch ein guter Bade- und Wäscheplatz gewesen.- Wenn nun jemand dort verunglückte, so hieß es, die Wasserjungfer hätte ihn geholt. Die Stelle war deshalb in Verruf gekommen, und nur mit heimlichem Grausen ging man dort vorüber. Der Vater des jetzigen Besitzers meinte, sein Vater hätte behauptet, der Name müßte „Bulwons Ellra“ lauten. Um diese Stelle haben viele Erlen gestanden, die dem Bauern Bolduan gehörten. Jetzt kennen nur noch einige alte Leute den Namen.
Mündlich aus Zwilipp, überliefert von Ferdinand Asmus um 1900.

Die Zwilipper

Von den Zwilippern heißt es: „Wenn die Zwilipper lustig sind, trampeln sie den Backofen ein.“ Diese Redensart stammt daher, daß bei den am zweiten und dritten Pfingsttage früher in Zwilipp abgehaltene Gilden auch ein Kriegsspiel veranstaltet und dabei eine feindliche Festung, ein Backofen, erstürmt wurde.

Aus Blättern für die Pommersche Volkskunde I, G. 118, aufgezeichnet von Ferdinand Asmus um 1900.

Lothar Varchmin, Enkel des Gastwirts Albert Varchmin, erzählt die gleiche Geschichte im Sommer 1997 dem Autor Joachim Kummrow so:

„Am zweiten und dritten Festtage wurde im Gasthaus meines Großvaters kräftig dem Alkohol zugesprochen. Unter den Gästen an diesem Pfingstfest um 1912 war auch ein Hauptmann im siegreichen Frankreichkrieg 1870/71, Lennart Braasch. Der ließ die Männer draußen vor dem Gasthof antreten und übte mit ihnen Exerzieren. Mein Großvater Albert Varchmin, der – wie ich glaube- nie Soldat gewesen war, kletterte auf den Dachboden und holte die Reichsfahne. Die Männer bliesen unter des trunkenen Hauptmanns Kommando zum Sturm auf Ponicks hölzernen Backofen, der in das Wurzelwerk der Esche am Dorfeingang gebaut worden war. Unter großem Trara ‚eroberten‘ sie den Backofen und hißten darauf die Fahne. Nach mehr oder weniger geordnetem Rückzug unter den Gesängen zu Preußens Gloria belobigte der Hauptmann seine Mannen in einem Appell vor unserem Gasthof. Albert Henke, der wegen eines Klumpfußes das Schlußlicht des Zuges bildete, wurde zu der ersten Runde „wegen Feigheit vor dem Feind“ verdonnert. Dies ist der Ursprung der Asmus’schen Überlieferung.“

Der Teufelsstein I

Am Persantethal bei Zwilipp liegt ein Berg, der Staatsberg. Ihm gegenüber liegt am Ufer der Persante ein breiter Stein, auf welchem die Spur von einem Menschenfuß und einer Katzenpfote zu sehen ist. Er wird der Teufelsstein genannt.

Der Teufelsstein II

Auf der Lökwisch (der Name bedeutet „niedrige Wiese“), einer zu Zwilipp gehörigen Wiese, an der Persante, lag früher ein breiter Stein mit einer Huftrappe. Der Sage nach soll dort ein Häuptling in einem Kampfe gefallen und begraben worden sein. Der Stein ist zum Neubau des Pfarrhauses verwendet worden.

Doppelgänger

Vor hundert Jahren lebte in Zwilipp auf einem Bauernhofe ein Bauer, mit dem Namen Christian Henke, dessen Geschlecht jetzt ausgestorben ist. Von diesem wird heute noch erzählt, daß er ein Doppelgänger gewesen und zu gleicher Zeit auf dem Felde und zu hause gesehen worden sei. Von einem anderen Bauern, der früher in Zwilipp lebte, wird dasselbe berichtet. Wenn ihn die Hirtenknaben von Krühne, die auf der anderen Seite der Persante hüteten, schimpften, so zog er seinen Rock aus und walkte ihn tüchtig durch. Die Prügel bekamen dann die Hirtenknaben, die vor Entsetzen laut schrien und nicht wußten, wo sie hinsollten.

Der Reißdüwel

Ein Tagelöhner mietete sich einmal ein Dienstmädchen, von der aber bald Ärger und Verdruß hatte. Dasselbe war von einem „Reißdüwel“* besessen, und deshalb mußte es alles, was es in die Finger bekam, zerreißen. Der Inspektor hörte davon und wollte es nicht glauben. Er ging in das Haus zu dem Mädchen. Ehe er es sich versah, hatte sie ihm seine Kleider zerrissen. Selbst den Pastor verschonte die Reißdüwel nicht. Als er bei einem Besuche seinen Mantel auf den Tisch legte und ihn nachher wieder nehmen wollte, fand er ihn zerrissen. Im Hausflur stand ein Kumm (Kasten) mit Kleidern, der stets verschlossen war und zu dem das Mädchen nie kommen konnte. Als man ihn eines Tages öffnete, waren alle Kleider in Fetzen gerissen.
*Reißdeubel ist vielfach eine Bezeichnung für Kinder, die viele Kleider zerreißen.

Die wilde Jagd bei Zwilipp

Vor vielen Jahren kam ein Mann aus Zwilipp am Abend den Weg von den Persantewiesen durch den Wald nach dem Dorfe zu. Plötzlich hörte er hinter sich Schreien, Rufen, Hundebellen und Ohoschreien. Er wußte gleich, daß es die wilde Jagd war. Da war aber auch schon der wilde Jäger hinter ihm und rief ihm zu: „Goh innen Middelsteg, Denn goha min Hunn an die biweg!“ Das tat der Mann auch, und ohne ihn zu behelligen stürmte die wilde Jagd an ihm vorbei und verschwand eben so schnell wieder, als sie gekommen war.
Ähnliche Überlieferungen, andernortens auch Schimmelreiter genannt, sind aus fast allen Gegenden Deutschlands überliefert.

Das Kartenspiel auf der Dorfgrenze

Ein Schäfer spielte gern Karten, wobei ihm denn kein Spiel zu hoch wurde. Da es aber in seinem Dorfe keinen Gasthof gab, wanderte er mehrmals in der Woche nach dem benachbarten Dorfe, um dort seinem Laster zu frönen. Als er an einem Sonnabendabend in der zwölften Stunde nach hause zurückkehrte, sah er in einiger Entfernung ein Licht. Nach seiner Rechnung mußte es in dem Grenzgraben sein, und zwar da, wo ein Steg über den Graben war. Da der Schäfer ein beherzter Mann war, so ging er dreist auf das Licht los. Wie er nun etwas näher herankam, sah er zwei Männer an einem Tisch sitzen, worauf ein Licht stand. Die Männer spielten eifrig Karten und hatten eine große Menge Geld vor sich liegen. Das Spiel und das Geld waren für den Schäfer so verlockend, daß er nicht widerstehen konnte und er fragte, ob er nicht mitspielen dürfe. „Wenn du Geld und Lust hast, immer zu,“ wurde ihm geantwortet. Da wird er auch schon den dritten Stuhl gewahr und ehe er’s sich versieht, sitzt er, hat die Karten in der Hand und spielt, was Zeug und Leder halten will. Fast jedes Mal gewinnt er; ab und zu steckt er auch eine Handvoll harter Thaler in die Tasche. Da ist wieder einmal an ihm die Reihe, die Karten zu verteilen. Es fallen ihm einige Blätter an die Erde. Der Schäfer nimmt dreist das Licht und leuchtet zur Erde, um die weggefallenen Karten wieder aufzuheben, und da sieht er denn, mit wem er Karten spielt. Jeder der beiden Männer hat einen Pferdefuß und einen langen Schwanz. In demselben Augenblick wird das Krähen eines Hahnes gehört und die Pferdefüßler müssen weichen. Der Schäfer läuft mit seinem Gelde nach hause, aber wie er nach hause gekommen ist, weiß er heute noch nicht. Am Morgen sagt er seiner Frau, sie solle das Geld einmal zählen, das er in seiner Tasche habe. Doch als sie nachsieht, ist lauter Pferdedung drin. Der Schäfer hat aber seit dieser Zeit keine Karten mehr gespielt.

Der Zaunkönig

Die Vögel wollten einmal einen König wählen, konnten sich aber lange nicht über die Wahl einigen. Da beschlossen sie, ein Wettfliegen zu veranstalten; wer am höchsten fliege, der solle König sein. Alle erhoben sich. Am höchsten aber flog der Storch. Schon glaubte er seines Sieges gewiß zu sein, da er alle Vögel unter sich erblickte, aber plötzlich schwebte über ihm ein kleiner Vogel, der sich unbemerkt unter seinen Flügeln verborgen und von ihm hatte hochtragen lassen. Der Storck konnte nicht mehr höher fliegen, doch der Kleine stieg noch eine Strecke empor, hatte somit gewonnen und die Königswürde erlangt. Die Vögel aber wollten ihn nicht als König anerkennen, sondern verfolgten ihn wütend und wollten ihn töten. Schnell schlüpfte er in ein Mauseloch. Man stellte nun einen Wächter dabei, um den Zaunkönig – denn er war der Sieger gewesen -, nicht entwischen zu lassen. Den Wächterdienst mußte die Eule verrichten, weil sie die größten Augen hatte. Sie schlief aber bald ein und der Zaunkönig entfloh. Zornig verfolgen seitdem die Vögel die Eule um sie für ihre Nachlässigkeit zu bestrafen und auch der Kleine muß sich in Hecken und Zäunen herumdrücken, weil er fast überall verfolgt wird. Daher hat er denn auch den Namen Zaunkönig erhalten.

Woher die Feindschaft zwischen Hunden, Katzen und Mäusen stammt

Die Haustiere beklagten sich einst beim lieben Gott, daß sie von den Menschen so sehr bedrückt würden, und sandten durch die Hunde eine Botschaft an ihn. Der liebe Gott nahm die Gesandten gnädig an und gab ihnen ein Dokument an die Menschen mit, des Inhalts, daß sie den Tieren nichts zu Leide thun sollten. Das half, denn seitdem wurden Hunde und Katzen eine Zeit lang freundlicher behandelt. Damit das Dokument nun nicht verloren gehen, übergaben die Hunde es den Katzen, weil sie doch schlau und listig waren, damit sie es gut verwahren möchten. Diese nahmen das Papier und versteckten es unter dem Strohdache des Hauses, so daß kein Mensch es auffinden konnte. Da kamen aber die Mäuse und zernagten das Papier. Als nun die Hunde einmal wieder in Not kamen und das Schreiben vorlegen wollten, da war es ganz zerschnitten. Da wurden sie sehr böse auf die Katzen und bissen sie, wo sie nur konnten. Die Katzen rächten sich wieder an den Mäusen, und seitdem ist noch heut‘ und diesen Tag Feindschaft zwischen Hund, Katze und Maus.
Alle diese Sagen und Fabeln und noch viele mehr hat Dorflehrer Ferdinand Asmus – sicherlich überwiegend im Gespräch mit alten Leuten des Dorfes – in Zwilipp gesammelt und aufgeschrieben. Sie wurden in zwei Büchern veröffentlicht. Diese sind ein Extrakt aus dem Buch „Sagen und Erzählungen aus dem Kreise Kolberg-Körlin“, gesammelt und herausgegeben von Gymnasiallehrer Otto Knop und Lehrer Ferdinand Asmus, Kolberg 1898 in Druck und Verlag der C.F. Post’schen Buchhandlung und Buchdruckerei. Die Asmus’schen Bücher werden noch heute in der Universitätsbibliothek Erlangen (Signatur ST B.C. 4385) und der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz Berlin (Signatur Yt 2513/98) verwahrt.

18. Kapitel: In memoriam: Ferdinand Asmus Historisches Bilderbuch der Familie Kummrow