16. Kapitel: Das Dorf Zwilipp 1997

Zwilipp heißt heute Swielubie und ist ein typisches nordostpolnisches Dorf. Es liegt 15 Kilometer von Kolbrzeg Kolberg und Ostsee und ist eingemeindet nach Dygowo (Degow). 120 Menschen leben heute in Swielubie. 21 Gebäude sind bewohnt. Zwei Häuser stehen leer; eines steht zum Verkauf, in dem zweiten ist ein Handwerksbetrieb untergekommen.
Die Kirche, seit dem Krieg verwahrlost, wurde im Jahr 1990 innen wie außen restauriert und dient jetzt der katholischen Gemeinde von Swielubie als vielbesuchtes, schmuckes Gotteshaus. Der einstige Friedhof rund um die Dorfkirche ist einem gepflegten Rasen gewichen.

Seitdem der Gasthof Varchmin in den ersten Nachkriegsjahren niedergebrannt ist, gibt es kein Gasthaus mehr in Swielubie. Dafür aber seit kurzem einen kleinen Kiosk vis à vis der Kirche (zum alten Turnplatz zu), in dem die Bewohner dieses und jenes kaufen und an dem sie sich des abends auf ein Bier treffen.

Die Mehrheit der Gebäude stammt noch aus der Zeit vor 1945, Tafeln mit den Initialen ihrer Erbauer zeugen noch heute davon. Während viele Wohnhäuser in den Nachkriegswirren niedergebrannt wurden, um die Bauern in die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften zu zwingen, dienen heute ehemalige Kötterhäuser als Wohnungen. Oder Ställe wurden umgebaut.

Die Genossenschaften sind mittlerweile aufgelöst und viele der einstigen Bauern versuchen, ihre Höfe wieder zu neuem Leben zu erwecken. Das gilt auch für den einst Kummrowschen Hof, der seit der Vertreibung der Familie Rozek gehört. Sohn Janusz, der zusammen mit seinem Vater den Hof weiterführen will, klagt: „Die Rentabilität der Landwirtschaft ist gering und ich kann mir nur die laufenden Reparaturen leisten“. So müssen Pläne, den Hof wieder zu alter Blüte zu bringen, noch ein paar Jahre auf ihre Realisierung warten und werden sicherlich die Familie Rozek noch viel Schweiß kosten.

Wie der Hof mit der Adresse Swielubie 18 so sehen auch die Nachbaranwesen aus: Die großen Wirtschaftsgebäude weisen auf einst bedeutende Besitzungen hin. Doch fast alle Gebäude sind verfallen, da die Bauern als Mitglieder der Genossenschaften nicht genug Geld verdienten, die Gebäude zu unterhalten.

Die Schule hat schon lange keine Kinderscharen mehr gesehen und viele junge Menschen aus Swielubie sind ins 14 Kilometer entfernte Kolobrzeg und andere Städte gezogen, weil sie dort Arbeit finden und weil es dort sicherlich mehr zu erleben gibt.

Die Art der Landbewirtschaftung – das Zusammenlegen von leicht mit großen Maschinen beackerbaren Flächen – hat dafür gesorgt, daß alles was unrentabel zu bewirtschaften war, an die Natur zurückfiel. So hat sich rund um Swielubie, vor allem entlang der Persante, die Natur viele Refugien erobert und einen dichten Gürtel um den Ort gelegt.

Große, uralte Eichen im Dorfkern, ungepflastert gebliebene Dorf- und Feldwege, Mauern und Zäune, die sich unter Hecken oder dichtem Buschwerk verstecken, bieten dem heutigen Besucher viele Möglichkeiten, den einstigen Glanz des Dorfes Zwilipp zu entdecken.

Die Familie Rozek hat in den zurückliegenden Jahren – zuletzt 1995 – die Besucher aus Deutschland stets sehr freundlich empfangen, gerne Dorf und Hof gezeigt und die Gäste auch reich bewirtet. Eine Verständigung war dabei dank dolmetschenden polnischen Taxifahrern möglich. Es ist an uns, ob uns die Türen zum Hof unserer Urahnen künftig noch besuchsweise offen stehen: Ihre Adresse ist Janusz Rozek, Swielubie 18, PL 78-113 Dygowo, woj. Koszalin. Die Telefondurchwahl von Deutschland aus ist 0048-94-3584016. Kenntnisse der polnischen Sprache sind jedoch zwingend nötig!

Das Dorf Swielubie wurde im August 1997 beschrieben von Janusz Roszek, dem Sohn und Nachfolger des Bauern, der seit 1945 auf dem ehemaligen Hof Kummrow 14 Kilometer südlich von Kolobrzeg in Polen lebt. Und sein Bericht wurde von Joachim Kummrow ergänzt um Erinnerungen an den letzten Besuch im September 1995.

15. Kapitel: Das Dorf Zwilipp 1937 18. Kapitel: In memoriam: Ferdinand Asmus